Bernd von Droste zu Hülshoff

Ein Leben für das Welterbe der Menschheit

Gründungsdirektor des UNESCO‑Welterbezentrums. Forstwissenschaftler, Ökologe, Mediator zwischen Nationen — und Chronist von 53 bedrohten Stätten unseres gemeinsamen Erbes.

Geboren 1938
UNESCO ab 1973
Bereiste Staaten 100+
Publikationen 200+
Porträt Bernd von Droste zu Hülshoff
Buchcover »Welterbe in Gefahr« von Bernhard Freiherr Droste zu Hülshoff, Verlag Olms
Aufgeschlagene Doppelseite aus »Welterbe in Gefahr« mit Tuschezeichnung
Ein Blick ins Buch — mit eigens angefertigten Tuschezeichnungen.
Das neue Buch · in Vorbereitung

»Welterbe in Gefahr«

Von den 12 ersten Welterbestätten bis zur heutigen unüberschaubaren Liste: Bernhard Freiherr Droste zu Hülshoff hat den Aufstieg und die Krise der UNESCO‑Idee hautnah miterlebt.

In seinem Buch nimmt der Gründungsdirektor des Welterbezentrums seine Leser:innen mit zu 52 Orten, die unsere Identität prägen, und berichtet von ihren dramatischen Veränderungen: durch den Übergang von einer regelbasierten Ordnung zu einer machtbesessenen Weltunordnung, durch den menschengemachten Klimawandel und durch rücksichtslose wirtschaftliche Interessen. Ob Venedig, Timbuktu, das Große Barriere‑Riff oder die Tropenwälder im Amazonas — viele dieser großartigen Schöpfungen der Natur und des Menschen stehen am Abgrund.

Dieses Buch bietet exklusive Einblicke in die Arbeit hinter verschlossenen Türen. Es zeigt auf, wie die Menschheitsidee des gemeinsamen Erbes zum Spielball der Mächtigen wurde und welche Herausforderungen warten. Authentisch, fundiert und bewegend erzählt, eröffnet der Autor neue Blickwinkel und erinnert daran, wofür das Welterbe über seine Bauwerke und Landschaften hinaus eigentlich steht — ein richtungsweisendes Buch darüber, was in unserer Welt wirklich wesentlich sein sollte.

Genre Sachbuch · Kulturpolitik
Sprache Deutsch
Umfang 256 Seiten · ca. 15 Abb.
Ausstattung Hardcover · 13 × 19 cm
Preis € 29,80 (D) · € 30,70 (A)
ISBN 978-3-7582-0834-8
Erscheinen September 2026
Aus dem Vorwort

„Im Rückblick lassen sich die verschiedenen Lebensphasen zu einer logischen Abfolge verbinden. Ein roter Faden wird sichtbar.“

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Leseproben

Drei Augenblicke
aus dem Buch

Drei Szenen, in denen sich Weltgeschichte und persönliche Erfahrung berühren — erzählt aus erster Hand.

Bolivien · Anden

Im Cockpit des Drogenbarons

Als Vertreter einer Organisation der Vereinten Nationen wurde mir unmissverständlich signalisiert, dass mein Platz nicht hier sei. Der mächtigste Mann der Region, Roberto Suárez Gómez, der berüchtigte „König des Kokains“, ließ mir ausrichten, ich solle mit ihm nach La Paz fliegen. Dort habe er wichtige Geschäfte mit Regierungsvertretern zu erledigen und könne mir einen sicheren Aufenthalt garantieren.

Es war weniger eine Einladung als eine Anweisung. So fand ich mich wenig später in seiner kleinen Maschine wieder. Unter uns verschwanden die Wälder des Beni in einer geschlossenen Wolkendecke, während wir Kurs auf die Anden nahmen. Der Flug führte durch mehrere Klimazonen. Die feuchtwarme Luft des Amazonas traf auf die kalten Luftmassen des Hochgebirges und erzeugte mächtige Wolkenformationen, durch die Suárez Gómez die Maschine selbst steuerte.

Die Situation hatte etwas Surreales. Ein Naturschützer und ein Drogenbaron, gemeinsam in einem Cockpit zwischen Amazonas und Altiplano.

Während er die Maschine durch Turbulenzen und Wolkenbänke lenkte, entwickelte sich ein intensives Gespräch über Macht, Moral und nationale Souveränität. Suárez Gómez präsentierte sich nicht als Krimineller. Er verstand sich als Patriot und Unternehmer. Der Coca-Anbau, argumentierte er, sei die einzige wirtschaftliche Perspektive für Tausende Bauern. Der Staat habe die Region jahrzehntelang vernachlässigt. Schulen, Krankenhäuser und Infrastruktur würden vielerorts erst durch die Geldströme der Kokainwirtschaft ermöglicht.

Mit unverhohlenem Stolz erinnerte er an sein berühmtes Angebot aus den frühen 1980er Jahren, die gesamte Auslandsschuld Boliviens zu begleichen, wenn ihm und seinen Partnern dafür Straffreiheit gewährt würde. Er war überzeugt, dass seine Devisenzuflüsse einen Beitrag zur Stabilisierung des Landes leisteten.

Ebenso verwies er auf Schulen, Krankenhäuser und andere soziale Projekte, die mit Drogengeldern finanziert worden seien. Für viele Menschen im Amazonasgebiet erscheine er deshalb nicht als Verbrecher, sondern als Wohltäter.

Ich widersprach entschieden.

Leseprobe aus »Welterbe in Gefahr«
Südafrika · 1961 & 1996

Stellenbosch, Robben Island und Mandela

Als ich mich 1961, gerade 23 Jahre alt, gegen alle Wahrscheinlichkeit als Forstwirt beim Deutschen Akademischen Austauschdienst für ein Südafrika-Stipendium durchsetzte, ahnte ich nicht, dass mich meine Reise in das ideologische Zentrum eines Unrechtsstaates führen würde. Mein Ziel war Stellenbosch im Kapland, der einzige Ort für forstwirtschaftliche Studien in Südafrika. Doch Stellenbosch war mehr. Es war das Laboratorium der Apartheid, die Denkfabrik unter Hendrik Verwoerd, in der die Architektur der Trennung nicht nur politisch, sondern auch akademisch legitimiert wurde.

Erst 35 Jahre später schloss sich der Kreis. Ich kehrte zurück — diesmal nicht als Student, sondern als Direktor des Welterbe-Zentrums der UNESCO. Mein Auftrag war es nun, Orte zu identifizieren und zu bewerten, die für die Menschheit von außergewöhnlicher universeller Bedeutung sind. Dass ich dabei ausgerechnet mit Robben Island konfrontiert werden würde, war mehr als eine berufliche Aufgabe — es war eine persönliche Konfrontation mit meiner eigenen Zeit in Südafrika.

Diese Rückkehr gipfelte 1996 in einer Begegnung mit Nelson Mandela im Regierungssitz in Kapstadt. Es war ein Tag, an dem Geschichte in mehrfacher Hinsicht geschrieben wurde: Südafrika hatte gerade das Finale der Afrikameisterschaft gewonnen. Die Euphorie dieses Moments drang bis in unser Besprechungszimmer. Unser Treffen, ursprünglich formal geplant, wurde jäh unterbrochen, als die siegreiche Mannschaft hereinströmte, um sich von ihrem Präsidenten feiern zu lassen. In diesem Augenblick wich jede Protokollstrenge einer Atmosphäre kollektiver Befreiung.

Leseprobe aus »Welterbe in Gefahr«
Venedig · November 2002

Als Venedig ertrank

Im Herbst 2002 wurde Venedig, die Serenissima, zum Schauplatz einer bemerkenswerten historischen Konvergenz, die beide Formen der Zerstörung sichtbar machte.

Anlässlich des 30-jährigen Jubiläums der UNESCO-Welterbekonvention versammelte sich die internationale Gemeinschaft der Denkmalpflege und des Naturschutzes in der Lagunenstadt, um unter dem Titel „Shared Legacy, Common Responsibility“ über die Zukunft des globalen Gedächtnisses und der Infrastruktur des Lebens zu diskutieren.

Die Atmosphäre dieser Tage war von einer doppelten Bedrohung geprägt. Einerseits lag der Schatten der Zerstörung der Buddha-Statuen von Bamiyan durch die Taliban im März 2001 über den Verhandlungen — ein Akt vorsätzlichen Ikonoklasmus, der die Grenzen des internationalen Schutzes brutal offengelegt hatte. Andererseits demonstrierte die Natur selbst ihre Macht. Während die Delegierten über Schutzkonzepte debattierten, stieg das Wasser der Adria unerbittlich an. Das Acqua Alta vom 16. November 2002, mit einem Pegel von 147 cm über dem Meeresspiegel, überflutete weite Teile der Stadt und verwandelte den theoretischen Diskurs über Gefährdung in eine nasse, kalte und schmutzige Realität.

Die Auswirkungen waren in meinem Hotel Rialto, direkt am Fuß der Rialto-Brücke, unmittelbar spürbar. Das Wasser drang in Lobby und Frühstücksraum ein. Es war nicht das klare Wasser romantischer Venedig-Bilder, sondern eine trübe Mischung aus Meerwasser, Abwasser und Müll. Die üblichen Schutzeinrichtungen wurden überspült, und wir mussten den Frühstücksraum fluchtartig verlassen. Auf Anraten des Hotels eilte ich zu einem Kiosk an der Rialto-Brücke, wo man vorbereitet war und mir völlig überteuerte Gummistiefel verkaufte — ein Beispiel venezianischer Katastrophenökonomie.

Die Überfahrt nach San Giorgio Maggiore führte in eine noch stillere Bedrohung. Auch dort stand das Wasser. Die Fondazione Giorgio Cini, kulturelles Herzstück im alten Klosterkomplex, war von der Adria okkupiert. In den Klostergängen spiegelten sich die Arkaden so vollkommen, dass oben und unten kaum noch zu unterscheiden waren. Es wirkte wie eine versunkene Kathedrale. Das Wasser sog sich in den Backstein, kroch die Wände hoch, stand in den Räumen und machte vor Kunst und Geschichte nicht halt.

Die Abschlussveranstaltung unseres Kongresses fand vor diesem Hintergrund nicht mehr statt. Das Acqua Alta lieferte den unmissverständlichen Kommentar zur Tagung. Die Zeit theoretischer Erörterungen lief ab. Venedig ertrank buchstäblich, während über seine Rettung gesprochen wurde.

Leseprobe aus »Welterbe in Gefahr«
Interaktive Karte

53 Stätten in Gefahr

Eine Weltkarte aller derzeit auf der Roten Liste der UNESCO geführten Welterbestätten. Klicken Sie auf eine Stätte, um Hintergründe und Bedrohungslage zu erfahren. Stand: November 2025.

53
Stätten total
39
Kulturerbe
14
Naturerbe
29
Länder
Kulturerbe
Naturerbe
Quelle: UNESCO World Heritage Centre
Biografie

Der Brückenbauer
zwischen Natur und Kultur

Bernhard Freiherr von Droste zu Hülshoff — in Familie und Öffentlichkeit nur Bernd genannt — wurde am 17. September 1938 in Essen geboren. Als Spross einer westfälischen Familie, deren Wurzeln über neun Jahrhunderte zurückreichen und die mit der Dichterin Annette von Droste‑Hülshoff einen Ehrenplatz in der deutschen Literatur einnimmt. Aufgewachsen in Betzdorf, Haus Junkernthal und Adenau, prägte ihn früh die Welt des Waldes: sein Vater Mariano war Oberlandesforstmeister.

Nach dem Abitur am Aloisiuskolleg in Bad Godesberg (1957) und einem Lehrjahr beim Forstamt Mayen studierte er Forstwissenschaften in Hann. Münden, Wien und München. Praktische Stationen führten ihn schon als Studenten als Flößer nach Finnland, in die Wälder der Türkei und nach Südschweden. 1961 brachte ihn ein Stipendium nach Stellenbosch in Südafrika, wo er an der Großtierforschung im Kruger‑Nationalpark mitwirkte.

Der Weg zur UNESCO

Nach Promotion (summa cum laude, 1969) und Forschungstätigkeit an der Universität München wechselte Droste zu Hülshoff 1973 nach Paris zur UNESCO. Aus dem „first officer“ in der Abteilung Ökologische Wissenschaften wurde 1984 deren Direktor und Sekretär des Programms Der Mensch und die Biosphäre (MAB) — jenes Programms, aus dem die weltweiten Biosphärenreservate hervorgegangen sind.

Gründung des Welterbezentrums

1992 schlug er die Zusammenlegung der bis dahin getrennten Sekretariate für Welt­natur‑ und Weltkulturerbe vor. UNESCO‑Generaldirektor Federico Mayor folgte dem Vorschlag — und Droste zu Hülshoff wurde Gründungsdirektor des heute weltweit renommierten Welterbezentrums sowie Generalsekretär der Welterbe‑Konvention. 1998 erhob ihn die UNESCO zum Beigeordneten Generaldirektor (ADG).

Stimme für das Welterbe — Zeitschriften und Bildung

Parallel zur Aufbauarbeit des Zentrums schuf Droste zu Hülshoff publizistische Instrumente, mit denen die Welterbe-Idee in alle Welt getragen wurde. Ab 1996 gab er im zweimonatlichen Rhythmus die Zeitschrift World Heritage heraus — heute in englischer, französischer und spanischer Sprache mit einer Auflage von rund 50.000 Exemplaren weltweit. Ab dem Jahr 2000 führte sein Nachfolger Francesco Bandarin die Publikation weiter.

In den neunziger Jahren konzipierte er gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen des Welterbezentrums, des UNESCO-Erziehungssektors und der norwegischen UNESCO-Kommission das Lehrmaterial Welterbe in jungen Händen. Das Werk wurde in 43 Sprachen übersetzt und fand in 130 Ländern Eingang in den Schulunterricht. Die Mittel für die Erarbeitung der Texte konnte er bei Rhône-Poulenc und der norwegischen Regierung einwerben.

Präsentation des Welterbe-Schulkits mit dem Autorenteam
Präsentation des Lehrmaterials World Heritage in Young Hands mit dem Team der Hauptautoren.

Bereits zuvor — in den achtziger und neunziger Jahren — war er Herausgeber der dreisprachigen Zeitschrift Nature & Resources, die eine Auflage von über 20.000 Exemplaren erreichte.

Im Dienst des Erbes

Seit dem Eintritt in den Ruhestand 1999 ist er als Gutachter, Berater und Mediator für UNESCO, IUCN, EU‑Kommission und Weltbank tätig. Mehr als 100 Staaten hat er bereist, oft als Team‑Leader bei der Überprüfung des Zustands von Welterbestätten. Zu seinen Mandaten zählten die Galápagos‑Inseln, der Schutz Petras in Jordanien, die Kulturlandschaft Oberes Mittelrheintal und die Pilgerrouten der Kii‑Halbinsel in Japan.

Bernd von Droste zu Hülshoff bei einer Festrede zum UNESCO-Welterbe
Als Stimme des Welterbes bis heute gefragt: Festansprache zum Jubiläum „50/30 — UNESCO World Heritage in Austria“. Foto: Sedrick Kollerics
Bernd von Droste bei einer Delegationsführung in Nara, Japan
Delegationsbesuch an den Tempeln und Schreinen von Nara, Japan.
Bernd von Droste zu Hülshoff in seinem Arbeitszimmer vor seiner Bibliothek
Bernd von Droste zu Hülshoff in seinem Arbeitszimmer. Foto: David Peters

Als Honorarprofessor lehrte er an der Europa‑Universität Viadrina, gastweise an der Brandenburgischen Technischen Universität sowie an den Pekinger Eliteuniversitäten Beida und Tsinghua. Droste zu Hülshoff arbeitet in Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch.

Stationen eines Lebenswerks

Auszeichnungen · Würdigungen

Ein Leben im Dank
der Völker

1969
Wissenschaftspreis der Ludwig‑Maximilians‑Universität München
Für herausragende wissenschaftliche Arbeit auf dem Gebiet der Waldökologie · überreicht durch den Rektor
1988
Ehrenhäuptling der Māori
Neuseeland
1989
Premio Sileno — Umweltpreis
Giardini‑Naxos, Italien
1994
Ehrenbürger von Cusco und Machu Picchu
Peru
1996
Ehrenbürger von Quito
Ecuador
1997
Auszeichnung für die Erhaltung des Kulturerbes
Verliehen durch Präsident Boris Jelzin, Russland
1997
Chevalier de Chinon — Ordre de Rabelais
Chinon, Frankreich
1998
Ehrenbürger von Trogir und Poreč
Kroatien
1999
Ehrenbürger von Leshan
China
2000
Verdienstorden
Sozialistische Republik Vietnam
2012
Verdienstmedaille
Autonome Republik Krim
Ausgewählte Schriften

Über 200 Beiträge
in Buch und Zeitschrift

1969
Struktur und Biomasse eines Fichtenbestandes auf Grund einer Dimensionsanalyse
Dissertation · München
ab 1980er
Nature & Resources — Internationale Zeitschrift für Umweltwissenschaften
Herausgeber · UNESCO · dreisprachig · 20.000 Exemplare
1992
Das UNESCO‑Zentrum für die Erhaltung des Erbes der Menschheit
Spektrum der Wissenschaft
1995
Cultural Landscapes of Universal Value — Components of a Global Strategy
G. Fischer, Jena / VCH, Florida
1995
Kultur‑ und Naturgüter der Welt: Bedrohung und Schutz
mit B. Mayerhofer · Spektrum der Wissenschaft
ab 1996
World Heritage — Zeitschrift des UNESCO‑Welterbezentrums
Gründungsherausgeber · zweimonatlich · englisch · französisch · spanisch · 50.000 Exemplare
1990er
Welterbe in jungen Händen — Lehrmaterial für Schulen
UNESCO · in 43 Sprachen übersetzt · in 130 Ländern eingesetzt
1998
Linking nature and culture
Report of the Global Strategy Expert Meeting, Amsterdam
2006
A Gift from the Past to the Future — 60 Years of Science at UNESCO
UNESCO Publishing, Paris
2008
UNESCO‑Weltkulturerbe: Qualitatives Wachstum mithilfe externer Instanzen
Jahrbuch Markentechnik, Frankfurt
2012
World Heritage and globalization: UNESCO's contribution to global ethics
World Heritage Papers 31, UNESCO
2022
Zum fünfzigsten Jahrestag der Welterbe‑Konvention
Acta Carnuntina 12 · mit Ricarda Schmidt
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